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Baader Bank AG — Call Transcript 2012
Jun 29, 2012
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Hauptversammlung 2012
Hauptversammlung der Baader Bank AG, München, 29. Juni 2012 Redetext Uto Baader, Vorsitzender des Vorstands - es gilt das gesprochene Wort -
Sehr geehrte Aktionäre der Baader Bank, sehr geehrte Damen und Herren,
willkommen zu unserer diesjährigen Hauptversammlung.
Wir leben in spannenden Zeiten. Das ist die gute Nachricht. Man könnte auch sagen: Der Wirtschaftraum Europa hat sich unversehens mitten auf einem Hochseil wiedergefunden, weiß aber nicht, wie Hochseilakrobatik geht. Die staunenden Kapitalmärkte stehen unten und schwanken zwischen Hoffen und Bangen. Ein Absturz scheint seit nunmehr vier Jahren jederzeit möglich.
Im vergangenen Jahr habe ich im Rahmen meines Rechenschaftsberichtes behauptet, dass die Griechen es nicht schaffen werden, sich im Euroraum zu halten. Der Rettungsschirm allein und eine Teilumschuldung genügen nicht. Ich fühle mich fast schon bestätigt. Vor allem aber habe ich
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darauf hingewiesen, dass die breite Hoffnung, die "Krise" sei vorbei, trügen würde. Die Aktienmärkte haben bis in die ersten Monate dieses Jahres hinein nach dem Prinzip Hoffnung agiert. Doch inzwischen ist allenthalben wieder Ernüchterung eingekehrt: Wir haben in Europa eine ausgesprochen labile Situation vor uns – wirtschaftlich wie politisch. Und – auch das habe ich im vergangenen Jahr schon gesagt: Der wirtschaftliche Kern des Problems ist das Gefälle von Wettbewerbsfähigkeit in einem gemeinsamen Währungsraum, das zu immer größeren Leistungsbilanzdefiziten führt, zu immer mehr Verschuldung und damit zu einem durch den Zinseszinseffekt am Ende exponentiellen Prozess der Überschuldung einzelner Mitglieder der Währungsgemeinschaft.
Doch schuld daran sind nicht Konsumenten oder Unternehmen, Schuld daran – auch hier darf ich mich wiederholen, – sind die Politiker. Doch dazu später mehr.
Ich möchte meinen heutigen Vortrag in zwei Hälften teilen:
Als Erstes trage ich meinen Rechenschaftsbericht zum Geschäftsjahr 2011 zuzüglich der Ergebnisse des ersten Quartals 2012 vor.
Dabei werde ich nicht auf die Details eingehen. Diese entnehmen Sie bitte dem ausführlichen Geschäftsbericht. Stattdessen werde ich mich auf einige Eckdaten und die strategischen Weichenstellungen konzentrieren.
Als Zweites möchte ich – wie in den Vorjahren – zur aktuellen Entwicklung an den Kapitalmärkten Stellung nehmen und dabei zu einigen Schlüssen für deren weitere Entwicklung und für unser Haus kommen.
Meine Damen und Herren,
Die Wertentwicklung der Anlageklassen im Jahr 2011 zeigte sich von der Staatsschuldenkrise in der westlichen Welt inklusive Japans, hauptsächlich aber durch die politische Krise in Euroland geprägt. In der Konsequenz avancierten die defensiven Anlageklassen zu den klaren Gewinnern. Nicht einmal die Schwellenländer konnten noch überzeugen. Inflationssorgen verbunden mit Zinserhöhungen ließen ihre Indizes deutlich nachgeben.
Neben der Schuldenmisere Griechenlands stand die wirtschaftliche Lage weiterer Euro-Staaten im Zentrum der Diskussion. Davon blieben auch deutsche Aktien nicht verschont, die sich aufgrund ihrer starken Konjunktursensitivität und Exportstärke mit erhöhten Wirtschaftsrisiken konfrontiert sahen.
Der DAX, der im Mai 2011 ein Hoch von 7.500 Punkten erreichte und sich im internationalen Vergleich zunächst überdurchschnittlich entwickelt hatte, konnte sich der Krise letztlich nicht entziehen. Er fiel in den Sommermonaten deutlich auf 5.000 Punkte zurück und beendete das Jahr unter 5.900 Punkten. Das bedeutete einen Verlust von rund 14 %, nachdem er in 2010 noch um rund 16 % zugelegt hatte.
Deutsche Bundesanleihen bescherten den Anlegern beeindruckende, um nicht zu sagen, absurd hohe Kursgewinne. Der Bund-Future schloss bei knapp 139 Punkten und war damit nicht mehr weit von seinem Allzeithoch entfernt. Die Staatsschuldenkrise trieb die Investoren in Papiere des deutschen Staates. Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit markierten im September mit einer Rendite von knapp unter 1,70 % ein Rekordtief. In der Euro-Peripherie konnte eine umgekehrte Entwicklung beobachtet werden.
2011 befand sich das Investmentbanking in Deutschland – der Verfassung der Märkte sowie einiger Banken entsprechend – im Umbruch. Zahlreiche Teilnehmer verließen den Markt oder kündigten ihren Rückzug an. Am Bankenstandort München war diese Strukturveränderung in besonderem Maße zu beobachten. Nach unserer Einschätzung läuft dieser Trend den Markterfordernissen zuwider. Die Unternehmensfinanzierung über den Kapitalmarkt gewinnt, als Alternative zum klassischen Kredit, zunehmend an Bedeutung. Für uns ergibt sich daraus eine strategische Option, die wir durch den weiteren Ausbau des Investmentbankings genutzt haben.
Als spezialisierte Vollbank mit über 400 Mitarbeitern und beinahe 30 Jahren Erfahrung im Handel mit Finanzinstrumenten besitzt die Baader Bank die dafür notwendige Expertise. Damit kann sie ihren Kunden ein umfassendes Leistungsangebot in der Kapitalmarktfinanzierung und dem Kommissionshandel anbieten. 2011 stand hierbei gänzlich im Zeichen eines weiteren Ausbaus dieses strategischen Geschäftsfeldes. Die gesamte Wertschöpfungskette wurde mit insgesamt 45 Mitarbeitern verstärkt. Dabei handelt es sich zum überwiegenden Teil um Spezialisten, die in vergleichbarer Position im Investmentbanking bei europäischen Großbanken beschäftigt waren und
durchschnittlich weit über zehn Jahre Erfahrung in den jeweiligen Geschäftsfeldern vorweisen können.
Um die Ertragsquellen aus dem Investmentbanking zu diversifizieren, wurde das bisherige Angebot der Eigenkapitallösungen um Fremdkapitallösungen und eine unabhängige Finanzierungsberatung ergänzt. Hinzu kam eine komplette institutionelle Vertriebsplattform für Aktien und Derivate. Damit hat die Baader Bank eine weitere Einnahmequelle über den Sekundärmarkt erschlossen.
Wir begrenzen unser Markt- und Ausfallrisiko, da wir bei Transaktionen sowohl im Primär- als auch im Sekundärmarkt möglichst keine eigenen Risikopositionen eingehen.
Die Tatsache, dass das Geschäftsfeld Investmentbanking bereits im ersten Jahr operativ profitabel war, bestätigt uns in unserer Strategie. Allein im vergangenen Jahr haben wir insgesamt 39 Mandate mit einem Volumen von ca. 150 Mio. Euro bearbeitet. Als Konsortialführer von 14 durchgeführten Kapitalmaßnahmen konnten wir, nach Anzahl der Transaktionen, Rang 2 im Markt für deutsche Eigenkapitaltransaktionen belegen. Das zuzurechnende Transaktionsvolumen belief sich auf mehr als 100 Mio. EUR.
In unserem angestammten Geschäft, der Skontroführung, haben wir an den Börsenplätzen Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, München und Stuttgart unsere führende Position im Jahre 2011 festigen können. Gemeinsam mit den jeweiligen Börsenbetreibern haben wir kontinuierlich an der Weiterentwicklung und Attraktivität der bestehenden Marktmodelle und der technischen Infrastruktur gearbeitet.
Die wichtigste Änderung des vergangenen Jahres in diesem Bereich war der Wechsel des bisherigen Präsenzhandels an der Frankfurter Wertpapierbörse in ein von Spezialisten gestütztes, vollelektronisches Handelsmodell. Im Zuge dessen wurde auch die technische Infrastruktur den neuen Gegebenheiten angepasst und am Börsenplatz Frankfurt das Börsenhandelssystem Xontro durch Xetra2 abgelöst. Die bisherige Courtage wurde durch ein von der Deutschen Börse zu entrichtendes Spezialisten-Entgelt ersetzt.
Die Frankfurter Wertpapierbörse hat im abgelaufenen Jahr leicht Marktanteile eingebüßt. Der Wegfall der Courtage, verbunden mit den weiter rückläufigen Handelsvolumina, hat zu wesentlichen Erlösausfällen und damit zu einer weiteren Konsolidierung unter den Spezialisten geführt. So sind von vormals 21 Skontroführern
nur noch 14 zum Jahreswechsel als Spezialist tätig. Eine weitere Konzentration auf wenige große Häuser scheint unvermeidlich.
Auch im vergangenen Jahr waren wir in der Konsolidierung der Skontroführer aktiv. Mit dem Erwerb der Skontren der Firmen Bid & Ask, Mercurius sowie Hordorff haben wir unser bestehendes Skontrenportfolio um weitere ertragsstarke Werte ergänzt.
Für den Rentenhandel kann man das Jahr 2011 sowohl im Vermittlungsgeschäft wie in der Skontroführung als schwierig bezeichnen. Mit einer neuen Struktur ist es dem Bereich gelungen, den erschwerten Bedingungen am Rentenmarkt entgegenzutreten. So ist das Renten-Vermittlungsgeschäft jetzt aufgeteilt in drei Produktbereiche, nämlich Eurobonds, Staatsanleihen und Pfandbriefe, sowie in einen Kundenbereich Fixed Income Sales.
Die im vergangenen Jahr vollzogene organisatorische Umgestaltung der Renten-Skontroführung zeigt sowohl kostenseitig wie auch im kontinuierlichen Zugewinn von Marktanteilen positive Auswirkungen. Unsere Online-Plattform "Bondboard" liefert als führende Website für Anleiheinvestoren wertvolle Impulse für unser Geschäft.
Im Handel mit verbrieften Derivaten an der Börse Scoach haben wir unseren Marktanteil in 2011 verteidigen können. Der Verlust eines bestehenden Mandats konnte im Marktanteil durch die Gewinnung von Neukunden und aufgrund der Konzentration der Marktteilnehmer auf die führenden Emittenten mehr als kompensiert werden. Im Fondshandel konnten die Marktanteile gehalten werden. Durch die Zusammenlegung des Fonds- und ETF-Handels erzielten wir Synergien und konnten Handels- und Positionsrisiken optimieren.
Im außerbörslichen Handel erfolgte im Berichtszeitraum eine Umstrukturierung des zuständigen Handelsteams. Durch die Bündelung der Liquidität verschiedener Handelsplätze konnte die Preisqualität zum Ende des Jahres deutlich erhöht werden. Neben einer Ausweitung der Zahl der handelbaren Aktien, Renten und Fonds haben wir ETFs in den außerbörslichen Handel integriert. Der außerbörsliche Handel wurde zudem um die Funktion des Limithandels erweitert. Damit wird der Handel für die angeschlossenen Partner und deren Kunden nochmals deutlich attraktiver.
Den Wandel von einem reinen Wertpapierhandelshaus hin zu einer Vollbank haben wir in 2011 durch die Einführung einer neuen Bankensoftware auch systemseitig abgeschlossen. Damit ist die Basis für den Ausbau der Automatisierung sowie für eine noch höhere Verarbeitungsstabilität und -qualität in der Kontound Depotführung geschaffen.
Unsere Beteiligungsgesellschaften haben 2011 einen positiven Beitrag zum Ergebnis geleistet. In den volatilen Märkten hielten sich die institutionellen Kunden bei Zinsprodukten mit hohem Risiko zurück und parkten die Liquidität in starkem Maße am Geldmarkt und bei der Europäischen Zentralbank. Trotzdem hat auch 2011 unsere Tochtergesellschaft Baader & Heins wieder ein gutes Jahresergebnis erzielt. Das Provisionsergebnis wurde hauptsächlich durch die Vermittlung von Schuldscheinen sowie durch Umsätze im Geldhandel generiert.
Wie im vergangenen Jahr bereits angekündigt, hat Baader & Heins die restlichen Anteile an der im Markt sehr gut eingeführten KA.DE.GE Kapital.Devisen.Geld Vermittlungsgesellschaft mbH erworben. Am 6. Juli 2011 wurde die Gesellschaft rückwirkend zum 1. Januar 2011 auf Baader & Heins verschmolzen. Der Name KADEGE bleibt als Marke erhalten.
Die von der Conservative Concept Portfolio Management AG betreuten Kundeneinlagen wuchsen angesichts der guten Anlageergebnisse und im Zuge der sich positiv entwickelnden Branchenkonjunktur im deutschen Alternativen Investmentbereich entsprechend an. Insgesamt konnten die verwalteten Kundengelder gegenüber dem Vorjahr von 700 auf knapp 800 Millionen Euro gesteigert werden.
Unsere Tochter N.M. Fleischhacker hat ihre Spezialistenmandate an die Muttergesellschaft Baader Bank zur Nutzung übertragen. Somit besitzt die N.M. Fleischhacker keinen eigenen Skontroführungsbetrieb mehr. Aus der Übertragung der Mandate für die Skontren konnte die Gesellschaft konstant positive Erträge erwirtschaften.
Meine Damen und Herren,
trotz der hohen Erneuerungs- und Anpassungsleistungen unseres Unternehmens kann ich Ihnen nicht von einem überragenden Geschäftsergebnis berichten. Wir haben im Gegenteil einen Investitions- und Aufbauprozess in Gang gesetzt, der uns auch in naher Zukunft die Erträge belasten wird. Die Märkte ändern sich, die Ansprüche der Kunden steigen, die allgemeine Konsolidierung schreitet voran, die Automatisierung wächst geradezu täglich, die technologische Entwicklung fordert uns, die Regulierungsbehörden tun meist nicht das Richtige, aber sie tun viel, und sie verlangen noch mehr.
Kurzum: Wir müssen in einem extrem dynamischen Umfeld aufs Neue unsere Zukunft gewinnen. Das heißt, wir müssen uns breiter aufstellen, wir müssen uns erneuern, und das in einer Intensität wie nie zuvor, und das in einem Risikoumfeld mit einer ungekannt hohen Volatilität.
Rückgänge im Provisionsergebnis sowie ganz besonders im Handelsergebnis haben uns am Ende ein deutlich negatives operatives Ergebnis beschert. Maßgeblich für den Ausweis eines positiven Betriebsergebnisses von knapp 1 Million Euro war schließlich eine Entnahme aus dem bilanziellen Fonds für allgemeine Bankrisiken in Höhe von 5,9 Millionen Euro. Dies war zu vertreten durch die vergleichsweise hohe Zuführung des Vorjahres. Zum 31. Dezember 2011 haben wir so nach Steuern einen Jahresüberschuss in Höhe von 664.000 Euro ausgewiesen. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies einen Rückgang des Teilbetriebsergebnisses um über 20 Millionen EUR.
Gemessen an dem Investitions- und Erneuerungsaufwand, den wir in diesem Zeitraum geleistet haben, gemessen auch an der Volatilität und Risikostruktur der Märkte des Jahres 2011, halten wir dieses Ergebnis für vertretbar. Bitte bedenken Sie, dass wir alle Investitionen und Risiken aus eigener Kraft bewältigen.
Unsere Eigenkapitalquote betrug zum 31. Dezember 2011 19,6%. Wir sehen uns mit dieser Ausstattung für die zukünftigen Eigenkapitalanforderungen nach Basel III sowie angesichts unserer geplanten Geschäftsausweitung gut aufgestellt.
Für diejenigen unter Ihnen, die sich intensiver mit der Materie "Bankrisiken" befassen, möchte ich auf den jedes Jahr umfangreicher werdenden Risikobericht im Geschäftsbericht hinweisen. Alles, was technisch und menschenmöglich sowie kaufmännisch vertretbar ist, werden wir auch weiterhin unternehmen, um Sie und uns vor bilanziellen und sonstigen Risiken abzuschirmen.
Meine Damen und Herren,
bei all den Zahlen kommt traditionell ein Aspekt immer zu kurz: die Würdigung der Leistung unserer Mitarbeiter. Im Berichtsjahr ist die Zahl unserer Mitarbeiter gegenüber dem Vorjahr von 389 auf 414 gestiegen.
Wir legen besonderen Wert auf die hohe Qualifikation und Weiterbildung unserer Mitarbeiter. Die Förderung von Fach- und
Email: [email protected]
Nachwuchsführungskräften bildete auch 2011 den Schwerpunkt der Personalarbeit. Wir haben wirklich hervorragende Mitarbeiter, die für den laufenden Veränderungsprozess genauso wichtig und unverzichtbar sind wie IT und Kapital. Bei uns greifen diese drei Ressourcen sehr gut ineinander. Nur dadurch können wir den Wandel schaffen. Deshalb an dieser Stelle mein herzliches Dankeschön an alle Kollegen für ihren engagierten Einsatz und die bewiesene Loyalität im abgelaufenen Geschäftsjahr.
Schauen wir noch einen Augenblick auf das nun schon zur Hälfte bewältigte Jahr 2012.
Das erste Quartal an den Börsen war geprägt von einem enormen Kursaufschwung. Die weltweit führenden Indizes der Industrieländer konnten in der Spitze um über 20% zulegen. Die Euphorie war getragen von dem Liquiditätstsunami der EZB und der Fed. Das Geld der EZB floss schließlich verstärkt in Staatsanleihen der Südländer, was ein – wenn auch künstliches – Signal der Entspannung sendete. Die Renditen der Staatsanleihen von Italien, Spanien usw. gingen zum Sturzflug über.
Die Kursrally war leider nicht von einem wachsenden Handelsvolumen begleitet. Im Gegenteil. Der wichtigste deutsche Handelsplatz, Frankfurt, wies im ersten Quartal einen Rückgang der Umsätze um fast ein Drittel aus – mit den entsprechenden negativen Auswirkungen auf unser Geschäft.
Dennoch ist es uns im ersten Quartal gelungen, unser Ergebnis gegenüber dem ersten Quartal 2011 auf über 8 Mio. Euro mehr als zu verdoppeln.
Das zweite Quartal war – für Quartale mit starker abwärts gerichteter Volatilität – zudem ungewöhnlich handelsschwach. Die mittlerweile wieder auf Null gesunkenen Anleihezinsen bestimmter deutscher Staatsanleihen sprechen eine deutliche Sprache: Viele Anleger suchen nicht mehr eine angemessene Rendite, sondern nur noch eine sichere und günstige Form der Verwahrung ihrer Mittel.
Für das Gesamtjahr sind wir nicht optimistisch. Aber wir bleiben zuversichtlich, dass wir strategisch auf dem richtigen Weg sind. Nachdem mit Basel III die Kapitalanforderungen an Banken weiter verschärft werden, dürfte Unternehmen die Aufnahme von Krediten auf traditionellem Wege künftig schwerer fallen. Langfristig orientierte Unternehmen haben aus den Erfahrungen der Finanzkrise gelernt. Für sie ist klar, dass eine breiter aufgestellte Finanzierungsstruktur gerade in schwierigen Zeiten
die unternehmerische Unabhängigkeit entscheidend beeinflussen kann.
Die Folgen für den Markt sind absehbar: Ein erhöhter Bedarf an Finanzierungslösungen außerhalb des klassischen Kredits wird auf eine sinkende Zahl von qualifizierten Anbietern treffen. Wir sind bestens aufgestellt, diese Lücke zu füllen.
In diesem Jahr werden wir uns auf den weiteren Ausbau der Aktivitäten im deutschen und österreichischen Markt konzentrieren. Dazu wird insbesondere das Research weiter ausgebaut, um mittelfristig rund 150 Aktien in Deutschland und Österreich regelmäßig zu analysieren und zu begleiten. Ein wichtiger Meilenstein wird in diesem Jahr die Baader Investment Konferenz vom 25. bis 27. September in der BMW Welt in München sein. Die Einladung ist auf großen Zuspruch gestoßen, es haben 97 Unternehmen aus den Marktsegmenten DAX, MDAX, TECDAX, SDAX sowie ATX und eine große Zahl nationaler und internationaler Investoren ihre Teilnahme zugesagt.
Der Handel mit Renten wird auch 2012 ein besonderes Gewicht behalten. Durch die neu strukturierte Betreuung der Rentenskontren an den Börsen Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und München haben wird die Weichen für ein entsprechendes Wachstum gestellt.
Angesichts der noch lange schwelenden Schuldenkrise und politischer Unsicherheiten allerorten drohen die Umsätze an den Börsen auf weiterhin vergleichsweise niedrigem Niveau zu verbleiben. Die Auswirkungen weiterer Regulierungsmaßnahmen oder gar die mögliche Einführung einer Finanztransaktionssteuer erschweren diese Aufgabe. Unser vorrangiges Ziel ist der Erhalt der Marktführerschaft durch Übertragung unserer strategischen Kompetenz auf neue Marktmodelle der Börsenbetreiber. Im außerbörslichen Handel wollen wir unseren Marktanteil durch den Einsatz von Limitbüchern, die Erweiterung von Ordertypen sowie durch die Anbindung weiterer Partner ausbauen.
Kurzum: Wir bleiben agil, wir formen die Märkte und folgen ihnen, wie es sich für einen dynamischen Mittelständler gehört, und wir bauen dabei auf Ihr Vertrauen, um diesen Weg der Erneuerung weiter gehen zu können.
Meine Damen und Herren,
soviel zu unserem Geschäft. Alles Weitere finden Sie, wie schon gesagt, im Geschäftsbericht sowie im Bericht zum ersten Quartal.
Lassen Sie mich nun von der Mikro- auf die Makroebene wechseln. Denn wie wohl für kaum ein anderes Unternehmen spielt der Kapitalmarktrahmen und spielen die langfristigen Veränderungen an den Märkten eine ähnlich große Rolle wie für uns.
Leider ist meine Kernthese der vergangenen Jahre bis heute nicht widerlegt: Wir leben in Zeiten einer schweren Krise der parlamentarischen Demokratie, die aus meiner Sicht für die aktuelle Schuldenkrise hauptsächlich verantwortlich zeichnet. Solange wir Regierungen haben, die die Möglichkeit besitzen, über Schuldenmachen Stimmen regelrecht zu kaufen, so lange werden wir die europäische Schuldenkrise auch nicht hinter uns lassen.
Die von den Politikern entwickelten Regulierungsmaßnahmen setzten und setzen weiterhin falsche Anreize. Auch Basel III geht wieder in die falsche Richtung. Eigentlich hätte es nur eines Satzes bedurft, um Basel II vom Kopf auf die Füße zu stellen: Die Eigenkapitalhinterlegungspflicht der Banken für Staatsschulden wird auf ein risikoadäquates Maß angehoben, sprich, von der tatsächlichen Bonität abhängig gemacht. Derzeit wird die Bonität von Staatsanleihen regulatorisch noch zu gut bewertet und gegenüber allen anderen Risikoaktiva immer noch bevorzugt.
Die Regulierer wollen den Ast, der sie trägt, nicht absägen. Sie verstecken diese unangenehme Wahrheit hinter einem im Großen und Ganzen nutzlosen Mammuttext, der umfangreicher ist als jemals zuvor, aber dennoch hohl. Erschreckend ist, dass Solvency II für die Versicherungsbranche ähnlich dramatische Fehlsteuerungen bereithält.
Es ist eine Überforderung der politischen Welt, nach den Regeln des klugen Ökonomen John Maynard Keynes zu handeln. Er hat leider nicht bedacht, dass seine Denkschule nur zur einen Hälfte angewandt werden würde. Seine Thesen:
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- die Verschuldung von Staaten in wirtschaftlichen Schwächephasen ist notwendig.
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- Schulden müssen in Wachstumsphasen aber auch wieder getilgt werden.
Angewandt wurde nur der erste Teil der Keynesschen Theorie, in wirtschaftlichen Schwächephasen über Ausgabenprogramme
unterstützend einzugreifen. ABER -die Politiker haben in wirtschaftlich starken Zeiten die Verschuldung nicht abgebaut. Es fehlt die Schuldentilgung in guter Zeit.
Die Tür zu einer stetig wachsenden Neuverschuldung hat in Deutschland die erste Große Koalition geöffnet. Durch die Änderung des Grundgesetzes Artikel 115 im Jahr 1969 wurde es mit dem Begriff des "wirtschaftlichen Ungleichgewichts" möglich, Staatschulden als Allheilmittel einzusetzen. Sogar in den wirtschaftlich starken Jahren 2010 und 2011 ist es den Politikern nicht gelungen, einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Die Staatsschulden stiegen sogar weiter. Die Politiker waren mit der Reduzierung der NettoNEUverschuldung bereits zufrieden.
Wenn wir wissen wollen, wo uns die Politik falscher Regulierung, galoppierender Staatsverschuldung sowie massiver Liquiditätsunterstützung und Staatsfinanzierung durch die Zentralbank hinführt, müssen wir nur nach Japan schauen. Japan lebt mit diesen Problemen bereits seit 20 Jahren.
Es gibt keine Verbraucherpreisinflation, da 95% der japanischen Staatsanleihen im Inland gekauft und gehalten werden. Damit wird Geld neutralisiert und nicht kaufkraftwirksam. Es wird nicht konsumiert, sondern gespart, und so steht Japan seit 20 Jahren
ohne Wachstum da. Dabei ist die Staatsverschuldung in Japan von etwa 30% auf inzwischen über 240% des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Sie sind damit Weltmeister in der Kategorie Staatsverschuldung. Das Konzept "Wachstum durch Schulden" hat nicht mehr gegriffen und greift nicht mehr. Entgegen aller empirischer Evidenz halten jedoch die Politiker am Schuldenmachen fest.
Das beantwortet freilich nicht die Frage, WIE die Staatsverschuldungskrise lösbar ist. Denkbar wäre eine Lösung über Inflation. Über höhere Lohnabschlüsse, die derzeit sogar der Bundesfinanzminister fordert, soll der Konsum angekurbelt werden. Das könnte sich in höheren Inflationsraten niederschlagen. Die Folge wäre die bekannte Lohn-/Preisspirale. Aber Vorsicht: "Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet". Ein zuverlässiges Aussteuern der Inflationsrate hat bislang noch jede Regierung und Zentralbank überfordert.
Ich komme zurück zu meiner Kernthese: Es gibt in Deutschland und Europa eine Krise der parlamentarischen Demokratie. Während die Staatsschuldenkrise über 30 – 40 Jahre entstanden ist und langfristige Lösungen erfordert, denken Politiker im Vierjahresrhythmus der Wahlen, manche sogar in noch kürzeren Abschnitten. Das heißt: Wir müssen die Demokratie um feste
Regeln ergänzen, die den Handlungsspielraum der Politiker auf ein vernünftiges Maß begrenzen und den sie auch nicht wieder aushebeln können. Die Schuldenbremse ist dafür ein erster Anfang.
Doch sie steht zunächst auch nur auf dem Papier. Pessimistisch stimmt mich, dass alle, ich betone alle Grundlagenverträge, die den Euro betreffen, gebrochen wurden. Dies gilt für die Neuverschuldungsgrenze von jährlich 3% des Bruttoinlandsprodukts, die Höchstgrenze der Verschuldung von 60% des Bruttoinlandsprodukts, den Grundsatz des No Bailout und die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. In mehr als 90 Fällen wurde gegen diese Grundlagen des gemeinsamen europäischen Hauses verstoßen.
Der neue Fiskalpakt ist nicht das Papier wert, auf das er gedruckt wurde. Und die Wirkung der Schuldenbremse muss sich erst noch erweisen. Die Krise in Europa aber ist erst vorbei, wenn der Schuldenabbau – ich rede von SchuldenABBAU, nicht von Begrenzung der jährlichen zusätzlichen Neuverschuldung! – wirklich begonnen hat.
Wie ich bereits im vergangenen Jahr ausgeführt habe, gibt es in Europa ein Land, das als Erfolgsmuster dienen könnte, um sich aus eigener Kraft aus der Misere herauszuarbeiten: Schweden.
Zur Erinnerung: Schweden erlebte Anfang der 90er Jahre eine dramatische Staatsschuldenkrise und eine damit einhergehende Bankenkrise, in deren Folge alle großen Institute verstaatlicht wurden. Die Bankenbücher steckten voller schwedischer Staatsanleihen. Schweden, das sozialistische Schweden, das viele Deutsche damals als Vorbild bezeichneten, das "Modell Schweden", war pleite. Der Staatsanteil der Wirtschaftsleistung betrug zu dieser Zeit 70 – 80%. Die Steuersätze lagen auf Höchstmarken, trotzdem gingen die Steuereinnahmen zurück. Die alte sozialistische Regierung wurde durch eine bürgerliche Regierung ersetzt.
Diese setzte einige erstaunliche Maßnahmen um, die auch für das übrige Europa zum Vorbild dienen können:
- eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes mit der Folge einer spürbaren Senkung der Jugendarbeitslosigkeit
- die Freistellung der Geringverdiener von Sozialversicherungsbeiträgen
- Privatisierungen von staatlichen Unternehmen
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die Senkung der Einkommenssteuersätze
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die deutliche Anhebung des steuerlichen Eingangssatzes, . d.h. der Grenze, ab der Arbeitnehmer Steuern zahlen mussten
- die Abschaffung der Vermögenssteuer
- die Abschaffung der Erbschaftssteuer.
Man kann heute getrost vom "neuen Modell Schweden" sprechen. An diesem Land geht der größte Teil der gegenwärtigen Krise weitgehend vorbei. Während wir uns 2010 mit einem Wachstum von 3,6% brüsteten, verzeichnete Schweden im selben Jahr ein Wachstum von über 5% und liegt seitdem in der Wirtschaftsentwicklung vor uns.
Meine Damen und Herren,
was bedeutet das für Sie? Und was bedeutet das geschilderte Makrobild für unser Geschäft?
Ich habe darauf keine abschließenden Antworten.
Für eine Bank ist es in den nächsten fünf Jahren die vorrangige Aufgabe, am Markt zu bestehen. Bei der Größe der möglichen Verwerfungen ist es nicht übertrieben, das zu sagen. Was unser Unternehmen angeht, werden wir uns weiterhin nach Kräften bemühen, erkennbare Risiken in unserem Geschäftsmodell abzuschirmen.
Politischer Fortschritt beispielsweise in Griechenland, in Spanien, Portugal oder Italien wurde in den vergangenen zwei Jahren immer nur auf den unbarmherzigen Druck der Kapitalmärkte hin erzielt.
Doch wer sein Ohr auf die Gleise dieser Staaten hält, hört auch Bedrohliches näher kommen: Weil der Druck von den Märkten kommt, wird der Markt verteufelt. Man lehnt die Botschaft ab und erschlägt den Boten; es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Menschen so agieren. Schauen Sie sich die neuen Regierungen in Griechenland oder in Frankreich an. Gewählt werden die, die ein Ende des Leidens versprechen, und dafür bereit sind, mehr Schulden zu machen bzw. harte Reformen zu vermeiden.
Hören Sie Präsident Obama einmal genau zu: Seine Neuverschuldungsrate liegt absolut und prozentual über der Griechenlands, und er gibt uns allen Ratschläge, seinem Beispiel, das er "Wachstumsstrategie" nennt, zu folgen.
Wohin man schaut: Konsolidierung ist in der Politik kein Bestseller und in der Bevölkerung oft auch nicht. Denn die Menschen haben sich an das süße Gift der Verschuldung gewöhnt. Konsolidierung und Schuldenabbau sind schmerzhaft und bedeuten sinkenden Lebensstandard. Unser so genanntes soziales Netz ist durch Schulden finanziert, aber nicht erarbeitet worden!
Als mittelständische, familiengeführte Investmentbank müssen wir die Märkte und die Gesellschaft besonders gut verstehen, um für unsere Kunden in solch herausfordernden Zeiten das Beste tun zu können.
Wird der Euro untergehen? Nein. Werden wir in ein paar Jahren noch alle heutigen Länder an Bord haben? Wahrscheinlich auch nein. Wird Deutschland den Euro behalten? Ja, auf jeden Fall. Solange die falschen Länder den Euro behalten, werden deren Leistungsbilanzdefizite nicht geringer. Doch die Verbindlichkeiten dafür landen in der Bilanz der Bundesbank, also letztlich haften Sie und ich dafür.
Traditionell nennen wir keine Ergebnisziele. Denn weiterhin liegt ein nennenswerter Anteil am Erfolg unseres Geschäfts nicht in unserer Hand. Aber gehen Sie bitte davon aus, dass wir vor allem das Thema Geschäftsrisiken mit großer Umsicht betreiben werden, um unter allen Umständen handlungsfähig zu bleiben.
Krisen bieten Chancen, gerade für die kleineren, wendigeren, unternehmerischen Einheiten im Marktgeschehen. Insofern bin ich bei aller Sorge für die weitere Entwicklung für unser Haus im Vergleich zum Wettbewerb weiterhin optimistisch.
Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen in unsere Arbeit.